Kennen Sie auch diese Geschichte? Ein Dorfverein sucht einen neuen Präsidenten…
Karl-Otto, der alte Präsident, war die letzten 23 Jahre rund um die Uhr im Einsatz für den Verein. Er hat ihm seine Freizeit gewidmet, kannte alle Tricks und Kniffe im Vereinsmanagement und hat sich um alles gekümmert. Er war anerkannt im Dorf, und er erledigte seine Aufgaben mit großem Stolz und ohne etwas dafür zu erwarten. Nun hinterlässt er eine enorme Lücke und riesige Fußstapfen.
Viele Ehrenamtliche und Vereinsmitglieder kennen so einen Karl-Otto-Präsidenten. Ihr Verein auch?
Lennard (53) stammt aus demselben Dorf wie der Verein, Louisa (51) ist zugezogen. Sie haben zwei Kinder und ein kleines Unternehmen, in dem sie lokale Produkte in die ganze Welt verkaufen. Deshalb haben sie auch viele internationale Kontakte. Manchmal stehen Dienstreisen ins Ausland an. Ihre Zeit teilen sie zwischen der Arbeit im Unternehmen, der Familie und ihrer Freizeit auf. Sie sind stark mit dem Dorf verbunden, ein Ortswechsel ist aber auch nicht völlig ausgeschlossen. Wer weiß schon, was die Zukunft noch bringt?
Was glauben Sie:
- Wird einer von den beiden die neue Präsidentin oder der neue Präsident?
- Übernimmt Lennard oder Louisa zu denselben Bedingungen wie der langgediente Präsident Karl-Otto? Ist das erstrebenswert für ihn oder sie?
- Werden sie wie Karl-Otto für eine so lange Dauer so viel Zeit in den Verein stecken wollen bzw. können?
- Sind sie bereit, alle Aufgaben zu übernehmen, die Karl-Otto erledigt hat? Für die Ehre der Aufgabe?
Vermutlich nicht. Denn sie sind es gewohnt, ihr Leben mehr oder weniger frei zu gestalten. Trotzdem kann es sein, dass sich Louisa und Lennard im Dorfverein engagieren wollen. Aber: Sie brauchen einen „Gegenwert“ für ihr Engagement. Sie müssen in der Erfüllung der Aufgabe einen Sinn für ihr individuelles Leben sehen - einen Mehrwert.
Wie kann ein Mehrwert konkret aussehen?
- Louisa und Lennard sind wenig an Aufgaben interessiert, die der Präsident die letzten 23 Jahre gemacht hat. Sie wollen Freiräume im Einsatz für den Verein und ihre Rolle und ihre Aufgabe selbst bestimmen. Die Funktion mit dem Namen „Präsident“ interessiert sie nicht.
- Wichtig für Louisa und Lennard ist, dass sie sich sozial eingebunden fühlen. Großer Vorteil für Ostbelgien: Der Zusammenhalt in den Dörfern ist vergleichsweise groß. Zugehörigkeitsgefühl entsteht bei Louisa und Lennard - wie bei vielen, wenn sie mitreden und mitgestalten dürfen und sollen. Dabei haben sie auch ihre eigenen Interessen im Fokus etwa ihre Kinder, die im Dorf zur Schule gehen oder Sport machen.
- Louisa und Lennard wollen nicht nur über das „Wie“, sondern auch über das „Was“ und das „Warum“ mitentscheiden. Sie wollen nicht nur Aufgaben abarbeiten, sondern die Projekte von A bis Z mitgestalten. Sie wollen weniger eine vorgegebene Rolle ausfüllen, als vielmehr konkrete Projekte mit Leben füllen und umsetzen.
- Sie wollen Aufgaben übernehmen, die ihren Fähigkeiten und Interessen entsprechen.
- Sie werden sich nicht mehr wie Karl-Otto für 23 Jahre engagieren, ihr Engagement ist eher punktuell.
Diesen Bedürfnissen zu begegnen, ist eine große Herausforderung für Vereine oder Organisationen. Sie müssen sich darauf einstellen und den Verein anpassen. Denn die Zeiten, in denen ein langfristiges Engagement an der Tagesordnung war, sind vorbei.
Was nun? Was tun?
Für viele Menschen, die sich engagieren, ist die Mitgestaltung sinnstiftend. Deshalb braucht es einen Wandel im Vereinsleben:
- teamorientiertes Vereinsmanagement
- Freiwillige für punktuelles Engagement (z.B. Events) gewinnen
- alternative Wege für die Vereinsfinanzen gehen
- vermehrt auf Kooperationen setzen
Unterlagen zu diesen Themen und Informationen zur diesbezüglichen Diskussionen im Rahmen eines Netzwerktreffens „Ehrenamt und Vereinsarbeit“ finden Sie über die weiterführenden Links.