Der Radfahrer

Jörg Weishaupt – Die Vennbahn-Route

Das Schicksal seiner Familie ist eng mit dem Vennbahn-Schienenweg verbunden: Als Jörg noch ein Kind war, diente ihm die 125 Kilometer lange Bahnstrecke, die sich über drei Länder erstreckt, als weitläufiger Spielplatz, auf dem er sich frei bewegen, spielen und Abenteuer erleben konnte.

„In gewissem Sinne verkörpert die Vennbahn die ostbelgische Identität, denn sie schert sich nicht um Grenzen.“
Zitat: Jörg Weishaupt

Für die Region war die Strecke aber auch ein wichtiger Jobmotor. Jörgs Großvater väterlicherseits arbeitete im Telegrafenamt im Bahnhof St. Vith, sein Großvater mütterlicherseits nutzte die Bahn regelmäßig für berufliche Fahrten.

Der Bahnhof St. Vith diente der Familie aber nicht nur als Transportweg, sondern auch als Zufluchtsort während der Bombenangriffe des Zweiten Weltkriegs. Jörg sagt, seine Mutter habe oft erzählt, wie sie im Vennbahntunnel bei Lommersweiler Schutz suchte, als die Amerikaner im Dezember 1944 Bombenangriffe durchführten. „Die Vennbahn war für uns ein Lebensretter“, so Jörg. Denn bei diesen Angriffen wurden über 90 Prozent der Architektur von St. Vith zerstört, 153 Einwohner und über 1.000 Soldaten kamen ums Leben.

Vennbahn wird zur Premiumroute für Radfahrer

Als ehemaliger Mitarbeiter der Tourismusagentur Ostbelgien hat Jörg 2013 die touristische Wiederbelebung der Vennbahn miterlebt. „Die Ortschaften in Ostbelgien sowie die benachbarten Regionen rückten wieder enger zusammen. Aachen, Monschau, Sourbrodt, Weismes, Montenau, St. Vith, Burg-Reuland und Troisvierges waren plötzlich durch das ‚grüne Band‘ verbunden“, erzählt er.

Auch heute noch ist der 56-jährige Grafikdesigner und Journalist regelmäßig auf der Vennbahn unterwegs. Er läuft nicht mehr frei umher wie als Kind. Stattdessen nutzt er die Vennbahn als Einstieg in Mountainbike-Strecken. „Was ich am Radfahren liebe, ist das Gefühl von Freiheit. Ostbelgien bietet viele tolle Möglichkeiten zum Radfahren und Mountainbiken oder zum Genießen der Natur durch körperliche Aktivität.“

Die Vennbahn wurde 1882 unter dem preußischen Kaiser Wilhelm I erbaut. Die Trasse verband damals die Kohlereviere der Aachener Region und der Stahlproduktion in Luxemburg und Lothringen. Nach dem Zweiten Weltkrieg verlor die Trasse mehr und mehr an Bedeutung. 2013 wurde sie zu einem Radweg umgebaut. Bei der Reaktivierung der historischen Route arbeiteten Partner aus Belgien, Deutschland und Luxemburg unter der Federführung der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens zusammen. Heute zählt die Premiumroute mit ihren 125 Kilometern zu den längsten und beliebtesten Radwegen in Europa. Neben Radtouristen aus anderen Ländern nutzen auch Einheimische den Radweg. Für Freizeitsportler, Familien, Senioren oder Rollstuhlfahrer bedeutet die Vennbahn ein Zugewinn an Lebensqualität.

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