Hilfe holen ist kein Petzen!

Dein Körper gehört Dir!

Du allein bestimmst über Deinen Körper. Du kannst selbst entscheiden, welche körperlichen Berührungen Du zulässt und welche nicht, auch bei Deinem Freund, in der Familie oder bei Bekannten. Auch Blicke und Worte können verletzen.

Sexuelle Gewalt ist nicht einfach ein Problem, mit dem man allein klarkommen muss. In vielen Fällen ist es eine schwere Form der Gewalt und in Belgien eine Straftat.

Über sexuelle Gewalt sprechen ist mutig!

Es ist mutig von Dir, dass Du Dich mit diesem Thema auseinandersetzt! Viele Jugendliche erleben das in ihrem privaten Umfeld oder auch im Netz. Sexuelle Gewalt kann verschieden aussehen.

Wenn Dich jemand zu irgendwelchen Handlungen zwingen möchte, bei denen Du ein unangenehmes Gefühl hast, dann sag "nein", geh weg und sprich darüber – solange, bis Du jemanden findest, der Dir glaubt und Dir hilft, Dich zu wehren.

Sprich mit einem anderen Menschen, dem Du vertraust. Bewahre kein Geheimnis für Dich, bei dem Du ein schlechtes Gefühl hast. Auch dann, wenn Dir gesagt wurde, dass Du niemandem davon erzählen darfst.

Was ist sexuelle Gewalt?

Sexuelle Gewalt ist, wenn ein anderer Mensch Deine Grenzen durch sexuelle Handlungen überschreitet. Das kann viele Formen haben:

  • Blicke und Worte, die Dich verwirren, ängstigen und verletzen
  • Unangenehme Nachrichten oder Bilder, die Dir jemand schickt
  • Jemand fasst Dich an Brust, Po, Scheide oder Penis an oder zwingt Dich, ihn oder jemand anderen anzufassen.
  • Jemand macht Nackt-Fotos oder -Videos von Dir oder möchte, dass Du solche Fotos oder Videos von Dir verschickst.
  • Jemand zeigt oder schickt Dir Videos mit Sex-Szenen, obwohl Du das nicht möchtest.
  • Jemand hat Dich vergewaltigt oder es versucht.

Niemand darf Dich zu so etwas oder etwas Ähnlichem zwingen!

Jeder, der so etwas mit Dir macht, ist ein Täter und hat die volle Schuld für das, was passiert ist. Täter können:

  • Männer, aber auch Frauen sein
  • Unbekannte, aber auch Freunde, Familienmitglieder oder Bekannte sein
  • Erwachsene, aber auch andere Jugendliche sein

Kann ich auch sexuelle Gewalt von Menschen erfahren, die ich liebhabe?

Auch ein Mensch, den Du liebhast, kann Dir sexuelle Gewalt antun. Denn sexuelle Gewalt kann nicht nur von Fremden, sondern auch von Freunden, Familienmitgliedern oder vom Partner ausgehen. Die Personen können alles Täter von sexueller Gewalt sein:

  • Eltern oder Stiefeltern
  • Großeltern
  • Geschwister oder Stiefgeschwister
  • Freunde der Familie
  • Eigene Freunde
  • Fester Freund oder feste Freundin
  • Autoritätspersonen wie Lehrer oder Jugendleiter

Das Gefühls-Chaos in Deinem Kopf und Deine Reaktionen sind normal. Nur das, was Du erlebt hast, ist nicht normal. Es kann sein, dass Du den Täter gleichzeitig liebst und hasst. Vor allem dann, wenn der Täter Dein Freund oder Teil Deiner Familie ist.

Vertraue Deinem Gefühl! Wenn Du Dich unwohl fühlst, darfst Du Dich immer wehren!

Wer ist schuld bei sexueller Gewalt?

Du bist niemals schuld, wenn Du sexuelle Gewalt erlebst!

Sexuelle Gewalt wird durch den Täter bewusst und gewollt angetan, sie passiert nicht „aus Versehen“. Dabei nutzen die Täter Machtpositionen und Vertrauensverhältnisse aus.

Dem Opfer die Schuld geben, ist immer falsch!

Die Schuld hat immer der Täter. Es kann sein, dass der Täter oder auch andere Menschen versuchen, Dir das Gefühl zu geben, dass Du eine Teilschuld am Geschehenen hast oder sogar alleine schuld bist. Das kann auch versteckt passieren, indem der Täter für etwas Nettes, was er macht oder sagt, eine Gegenleistung von Dir erwartet. Zum Beispiel:

  • Der Täter macht Dir Geschenke
  • Der Täter sagt viele nette Dinge zu Dir

Erwachsene müssen Dich schützen

Erwachsene haben die Aufgabe, Kinder und Jugendliche zu schützen. Besonders wenn es nahe Verwandte sind. Deswegen liegt die Schuld immer beim Täter und nie bei Dir.

Können mir auch andere Jugendliche sexuelle Gewalt antun?

Sexuelle Gewalt unter Jugendlichen hat viele Gesichter. Es kann überall und jedem passieren.

In Schulen und unter Freunden

Sexuelle Gewalt kann auch nicht-körperlich sein. Das geschieht häufig in der Schule oder im Netz. Fälle von nicht-körperlicher sexueller Gewalt sind zum Beispiel:

  • Grenzverletzende Kommentare: live oder im Netz 
  • Gesten
  • Intime Fotos, die jemand gegen den eigenen Willen postet
  • Digpics und andere Nackt-Fotos, die man ungewollt geschickt bekommt

In der Partnerschaft

Auch Dein Freund oder Ex-Freund kann Dir sexuelle Gewalt antun. Auch Mädchen können Täterinnen sein. Die folgenden Beispiele sind alle Formen von sexueller Gewalt und niemals „in Ordnung“:

  • Dein fester Freund/Deine feste Freundin überredet oder zwingt Dich zu etwas, was Du nicht möchtest.
  • Dein fester Freund/Deine feste Freundin macht weiter, obwohl Du gebeten hast, damit aufzuhören. Das können zum Beispiel ungewollte Küsse, Berührungen, Sexualpraktiken oder Nackt-Bilder sein.
  • Dein Ex-Partner verbreitet intime Fotos, Videos oder Nachrichten von Dir ohne Dein Einverständnis.

Es handelt sich immer um sexuelle Gewalt,

  • auch wenn Du nicht klar „nein“ gesagt hast, aus Angst Deinen Freund zu verlieren oder vor anderen Konsequenzen.
  • auch wenn Du Dich nicht gewehrt hast, weil Du Angst hattest oder es nicht konntest, weil Du zum Beispiel zu viel getrunken hattest.

Die neue belgische Gesetzgebung sagt, dass alle Beteiligten zum Sex klar "ja" sagen müssen und das Ja jederzeit zurücknehmen dürfen. 

Kann ich auch sexuelle Gewalt im Netz erfahren?

Sexuelle Gewalt im Netz wird über soziale Netzwerke wie Instagram, Snapchat, Facebook oder per Messenger-Dienste ausgeübt. Die Täter können sowohl andere Jugendliche als auch Erwachsene sein.

Beispiel für sexuelle Gewalt im Netz

  • Wenn Dich jemand einschüchtert oder erpresst, damit Du ihm Nackt-Fotos oder -Videos von Dir schickst.
  • Wenn jemand von Dir verlangt, dass Du ihm Videos schickst, in denen Du Dich zum Beispiel selbst befriedigst.
  • Wenn jemand Deine Intim-Fotos oder -Videos verbreitet ohne deine Zustimmung oder damit droht, das zu tun.
  • Wenn jemand Gerüchte über Dein Liebes- oder Sexualleben verbreitet.
  • Wenn sich jemand im Netz Dein Vertrauen erschleicht mit dem Ziel, Dir sexuelle Gewalt anzutun. 

Täter, vor allem Erwachsene, gehen strategisch vor

  • Erst erschleichen sie sich Dein Vertrauen und geben Dir viele Komplimente,
  • dann verwickeln sie Dich in sexuelle Gespräche und Handlungen
  • dann erpressen Sie Dich, damit Du niemandem davon erzählst.  

Hilflosigkeit durch rasante Verbreitung im Netz

Die Täter wollen ihre Opfer entblößen und demütigen. Dazu verbreiten sie Textnachrichten, Fotos oder Video, die Du privat geschickt hast. Deine Fotos oder Video verbeiten sich unkontrolliert und rasant im Netz. Es kann sein, dass Du Dich hilflos und ohnmächtig fühlst, weil Du die Verbreitung nicht stoppen kannst. 

Wo erhalte ich Hilfe?

  • Auf der Website des RDJ erfährst Du, was Du tun kannst, wenn Bilder oder Videos von Dir verbreitet wurden.
  • Beim Online-Ratgeber zu sexueller Gewalt im Netz von Juuuport findest Du Tipps, wie Du dich vor sexueller Gewalt im Netz schützen kannst und wie Du einen potentiellen Täter frühzeitig entlarven kannst.
  • Juuuport bietet sogar eine Chat-Beratung über WhatsApp an, die Du kostenlos nutzen kannst.

Was kann ich im Notfall tun?

Keine Situation gleicht der anderen. Hier findest du drei Vorschläge was Du tun kannst, wenn du dringend Hilfe brauchst:

Du kannst über das Erlebte sprechen

Es ist sehr schwer und deshalb mutig, darüber zu sprechen. Sprich mit Deinen Freunden, Lehrern oder anderen Personen denen Du vertraust. Sag ihnen, was bei Dir los ist. Sie können Dir zuhören und Dich bei der Suche nach Hilfe unterstützen.

Anderen von dem Erlebten zu erzählen, ist übrigens kein Petzen oder Verrat, sondern dein Recht!

In der Rubrik „Wo bekomme ich Hilfe?“ gibt es konkrete Orte, an du denen Hilfe bekommen kannst.

Du kannst dich in Sicherheit bringen

Beschütze Deinen Körper. Um auf Dich aufzupassen, darfst Du weglaufen und Hilfe holen. Du darfst alles machen, was Dir hilft, Dich in Sicherheit zu bringen.

Gehe zu einer Person, die Dich aufnehmen, verteidigen, schützen und von Deinem Angreifer fernhalten kann. Das können zum Beispiel folgende Personen und Orte sein:

  • Freund oder Freundin
  • Familienmitglied
  • Nachbar oder Nachbarin
  • Hausarzt
  • Notaufnahme
  • Polizei

Du bist in Not! Du darfst jeden ansprechen, damit er dir hilft! Du kannst den Polizei-Notruf 101 wählen. 

Du kannst den Täter anzeigen

Du kannst deinen Angreifer bei der Polizei anzeigen. Die Anzeige kannst du in einem der vier Kommissariate in Ostbelgien machen. Dafür brauchst du keinen Termin. Die Adressen und Telefonnummern findest Du weiter unten.

Anzeige zu erstatten, ist nicht einfach, denn man muss sich an das Erlebte erinnern und beschreiben, was passiert ist. Damit du dich wohler fühlst, kannst Du immer eine Vertrauensperson mitnehmen.

Wenn der sexuelle Übergriff erst vor kurzem stattgefunden hat, kann die Polizei dir vorschlagen, einen Arzt oder eine Ärztin aufzusuchen. Der Arzt oder die Ärztin wird Dich sehr respektvoll untersuchen und Beweise sammeln. Das sind alle Spuren, mit denen man die Tat beweisen kann und herausfinden kann, wer dein Angreifer ist.

Natürlich ist es besser, kurz nach dem Übergriff Anzeige zu erstatten, aber wenn der Vorfall, den du anzeigen möchtest, schon ein paar Jahre her ist, solltest du dir nicht einreden, dass es zu spät ist. Es ist immer richtig und gut so eine Tat anzuzeigen.

Wer kann mir helfen?

Wir wissen, wie schwer es ist, sich Hilfe zu holen. Aber: Kein Problem ist zu klein oder zu groß, um darüber zu sprechen!

Als erstes sprichst du am besten mit einer erwachsenen Person, der du vertraust. Gemeinsam könnt ihr dann überlegen, wie es weiter geht. Folgende Menschen können Vertrauenspersonen sein:

  • Deine Lehrperson oder Erzieher
  • Jugendheimleiter oder Streetworker
  • Pfadfinderleiter
  • Ein Sozialarbeiter, den du bereits kennst

Jugendhilfedienst

Du kannst Dich bei uns melden und wir vereinbare einen Termin für ein Beratungsgespräch. Du darfst gerne jemanden zum Gespräch mitbringen. Wir schauen mit Dir gemeinsam nach Lösungen. Wir erklären dir, was wir tun werden, um dich zu schützen.

BTZ - Beratungs- und Therapiezentrum

Wir haben Beratungsstellen in Eupen, Bütgenbach und Sankt Vith. Du kannst Dich bei uns melden und wir vereinbaren dann einen Termin. Bei diesem ersten Termin kannst Du uns von Dir und dem, was Dich belastet, erzählen. Gemeinsam überlegen wir dann, welche Unterstützung Du brauchst, damit es Dir wieder besser gehen kann.

Wir bieten Beratung und Therapie in Deutsch und Französisch an. Wenn Du möchtest, kannst Du eine Vertrauensperson mitbringen.

Kaleido Ostbelgien

In jeder Schule gibt es eine Vertretung von Kaleido, die du ansprechen kannst. Wenn du nicht weißt, wer das ist, dann frag deine Lehrperson.

Telefonhilfe: Wähle 108

  • Anonym
  • Tag und Nacht erreichbare
  • Kostenlos

Die Telefonhilfe hat auch eine Chat- und Mailberatung, in der Du montags und freitags von 20 bis 22 Uhr mit jemandem schreiben kannst. Den Link dazu findest du bei "Mehr zum Thema" weiter unten. 

Polizei

Wähle 101, wenn du dich in Gefahr befindest und/oder direkt Hilfe brauchst!

Bei der Polizei gibt es auch spezielle Personen, die sich um dich als Opfer kümmern und dich begleiten.  Diese nennt man Opferbeistand. Den Kontakt dazu findest du unten bei den Ansprechpartnern.

Eine Freundin/ein Freund hat sexuelle Gewalt erlebt. Was kann ich tun, um ihr/ihm zu helfen?

Wenn Dein Freund oder Deine Freundin dir von einem erlebten sexuellen Übergriff erzählt hat, ist das auch für Dich eine schwierige Situation. Dir davon zu erzählen, war sicherlich nicht leicht, sondern sehr mutig von Deinem Freund/Deiner Freundin.

Zuhören, glauben, für Normalität sorgen

Es ist wichtig, dass du für Deinen Freund/Deine Freundin da bist. Was ihm/ihr jetzt helfen kann, ist:

  • zuhören
  • ihm/ihr glauben
  • ihn/sie möglichst „normal“ behandeln

Sexuelle Gewalt ist nie in Ordnung! Dabei ist immer der Täter schuld. Das kannst du Deinem Freund/Deiner Freundin sagen.

Mit einer Vertrauensperson sprechen

Vermutlich hat Dein Freund/Deine Freundin Dich darum gebeten niemandem etwas zusagen, aus Angst davor, dass etwas Schlimmes passieren könnte. Leider kannst Du nicht helfen, wenn Du das Geheimnis bewahrst. Am besten ermutigst Du Deinen Freund/Deine Freundin, mit jemandem zu sprechen, dem ihr vertraut.

Da dieses Geheimnis Dich selbst belastet kann, kannst du Dich auch selbst an eine Vertrauensperson oder an einen Dienst wenden und erzählen, was los ist. Dann kann die Vertrauensperson oder der Dienst Hilfe und Unterstützung holen.